Frederic: Mit Dolmetscherin im Hörsaal

Seit seiner Geburt ist Frederic gehörlos. Seine Leidenschaft sind Getriebe. An der Westsächsischen Hochschule Zwickau kann er beides vereinen und studiert Maschinenbau.

Da schlagen Pfannen aneinander, dort zischt es in Töpfen, drüben auf dem Herd brutzeln Schnitzel, und zwischendrin geht immer wieder die Klingel aus dem Servicebereich. Wie hektisch es in einer Küche zugehen kann, weiß Frederic auch ohne, dass er die Geräusche auseinanderhalten könnte. Und dass das Gewimmel im Herzen eines Restaurants doch nichts für ihn ist, das weiß er mittlerweile auch. Ein Praktikum hat ihn vom einstigen Wunschberuf Koch abgebracht und damit den Grundstein für sein Studium an der Westsächsischen Hochschule Zwickau gelegt.

Inzwischen sind es Getriebe, die ihn in ihren Bann ziehen. „Ich mag es, Dinge im Kopf zusammenzusetzen, Probleme zu lösen und neue Ideen zu konstruieren“, erklärt der angehende Maschinenbauingenieur seine Leidenschaft. Wie sich Getriebe bewegen und wie ihre Räder ineinandergreifen, das fasziniert ihn. Weil es dabei auf Kleinigkeit ankommt, weil Präzision gefragt ist und weil es keine Rolle spielt, ob und wie sie sich dabei anhören. Wie Normalhörende ihren Alltag wahrnehmen, kann Frederic nämlich nur ahnen. Von Geburt an ist der 22-Jährige gehörlos. Lautlos ist seine Welt dennoch nicht. Schon als Kleinkind bekam er ein sogenanntes Cochlea-Implantat.

Damit kann er Geräusche wahrnehmen und sogar einzelne Gespräche verfolgen. Sprechen allerdings mehrere Menschen durcheinander oder nehmen Nebengeräusche wie damals in der Praktikumsküche überhand, wird es schwer für ihn. In Lehrveranstaltungen stehen ihm deshalb zusätzlich Gebärdensprachdolmetscher zur Seite. Und zusätzlich zur Liebe zu den Getrieben ist es nicht zuletzt auch ein Verdienst dieser Dolmetscher, dass sich Frederic für ein Studium in Zwickau entschieden hat.

Nach dem Abitur schaute er sich verschiedene Studienmöglichkeiten an. Dabei weckte die Hochschule im westlichen Zipfel von Sachsen sein Interesse. Er fuhr nach Zwickau, um ein paar Tage auf dem Campus zu schnuppern. „Ich war überrascht, wie bei der Besichtigung damals Übersetzer für mich organisiert wurden und habe mich von Anfang an wohlgefühlt“, erzählt er. „Die Hochschule ist modern, praxisbezogen und für alle Probleme gibt es Ansprechpartner.“ Als er noch erfuhr, dass die Westsächsische Hochschule Zwickau selbst den Studiengang Gebärdensprachdolmetschen anbietet, waren für den gebürtigen Niedersachsen die letzten Zweifel ausgeräumt. „Hier hatte ich das Gefühl, dass man mich unterstützen würde wie in einer Familie. Bei anderen Hochschulen, die ich mir angesehen hatte, war das nicht der Fall.“

Heute erinnert in Frederics Alltag nichts mehr an den einstigen Wunschberuf. In der Küche steht er nur noch als Hobbykoch. Er studiert im ersten Semester Maschinenbau und würde sich immer wieder dafür entscheiden. Auch wenn ihn sein Hochschulalltag mehr Konzentration kostet als so manchem Normalhörenden. Um den Inhalt von Lehrveranstaltungen zu verstehen, muss er stets ganz genau aufpassen. „Hörende Studenten können sofort aufschreiben, was der Dozent erklärt. Ich muss mich immer auf die Dolmetscher konzentrieren“, erklärt er die Unterschiede. Eine kurze Unaufmerksamkeit könnte ihn aus dem Konzept bringen. Auch in größeren Gruppen Lehrinhalte nachzuarbeiten oder sich gar in Lerngruppen auf Prüfungen vorzubereiten, ist für ihn unpraktisch, weil die Kommunikation schwierig ist.

Dass die Hochschule in manchen Hörsälen über Anlagen verfügt, an die Hörgeräte angeschlossen werden können, ist ihm zusätzlich eine Hilfe. Noch wichtiger aber ist Zeit. Die braucht er mehr als andere, um sich in Texte einarbeiten zu können. Um die Nachteile auszugleichen, die ihm durch seine Hörbeeinträchtigung entstehen, bekommt er eine Zeitverlängerung für Hausarbeiten. Und bei Prüfungen steht ihm ein Gebärdensprachdolmetscher zur Seite – der schon mal für Überraschungen sorgen kann.

„Ein Student dachte einmal, dass die Übersetzer selbst Studenten sind und quasi Übungen machen. Und er dachte, ich wäre der Prüfer“, erzählt Frederic eine Anekdote aus seinem Hochschulalltag. Solche Reaktionen lassen ihn schmunzeln. Überhaupt, sagt er, seien die Reaktionen auf seine Beeinträchtigungen unterschiedlich, aber immer positiv. „Viele sind neugierig, andere zurückhaltend, aber alle respektieren, dass ich hier studiere. Und manche Dozenten können sich auch in meine Situation hineinversetzen, wenn sie wegen ihres Alters selbst Hörgeräte tragen.“

Probleme im Hochschulalltag habe er keine, sagt er. „Die Professoren wissen, was sie tun müssen und unterstützen mich.“ Mit diesen Voraussetzungen ist er im Studium gut aufgehoben. Dass es technisch bleiben soll, das wünscht er sich. Und dass andere Gehörlose ebenfalls den Mut haben, sich für ein Studium zu entscheiden. Seinen Weg zu gehen und sich ausprobieren, das ist sein Motto. Das hat sich bewährt. So wie damals in der Küche.