Foto: Autor

Chance Kunsthochschule

Seit einem Unfall ist Eric Beier von der Hüfte abwärts gelähmt. Am Studium kann ihn das nicht hindern. Über ein Kunststudium im Rollstuhl.

Einer von vielen zu sein, ist Eric Beiers Sprungbrett. „600 Leute studieren an der Hochschule, wenn ich nur zu 100 von ihnen Kontakt habe, sind das ganz neue Möglichkeiten“, erklärt der 35-Jährige mit hochgezogenen Augenbrauen. Seine Mimik ist es auch, die gar nicht daran zweifeln lässt, dass er weiß, was im Leben als Kunstschaffender zählt: Können kann man, Techniken lernt man, aber Kontakte in die Kunstwelt generieren – das ist quasi das Salz in der Suppe. Für alle. Erst recht aber für Studierende, die wie Eric Beier im Rollstuhl sitzen. Für ihn ist die Hochschule für Bildende Künste in Dresden eine Gemeinschaft kreativer Köpfe. Netzwerke aufbauen, das gelingt hier am besten.

Zwei Mal hat er sich beworben, zwei Mal hat er eine Mappe zusammengestellt, zwei Mal wurde er abgelehnt. Die Standards für die Aufnahmeprüfung an der renommierten Hochschule sind hoch. Eric Beiers Motivation ist es auch. „Du hast eine Wahl“, sagt er. „Entweder entscheidest du dich für einen Kampf oder du klagst über die vermeintlich missliche Situation.“ Das klingt, als hätte ihn das das Leben gelehrt. Vielleicht war es aber auch die innere Kunststimme. Die war immer schon da, wurde nur zarter nach einem Unfall mit 24 Jahren. Seitdem ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. Die Querschnittslähmung rüttelte seine Vorstellung von einem autonomen Leben gehörig durcheinander und wollte ihm weißmachen, dass nur etwas Solides für die Zukunft infrage käme. Eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter zum Beispiel. Mit festen Bürozeiten, regelmäßigen Lohnzahlungen und der baldigen Erkenntnis, dass der wahre Fokus im Leben woanders liegen müsse. Die Lehre schloss er ab, die innere Kunststimme kämpfte sich zurück. In seiner Freizeit experimentierte er viel mit Farbe. Er malte, baute sich als Künstler nebenher ein Kleingewerbe auf und entschied sich für Kunstmappe Nummer drei. Diesmal klappte es, im dritten Anlauf überzeugte er die Hochschulleitung von sich und wurde für den Diplomstudiengang Bildende Kunst in Dresden angenommen. Als einziger Rollstuhlfahrer von 600 Studierenden.

Seine Malerei erzählt davon. Von der großen Leinwand im Atelier unterm Dach der Kunsthochschule blickt eine athletische Frau. Mit starken Schultern und sportlicher Kleidung trägt sie eine Prothese am rechten Unterschenkel. Eine wie sie die Sprinter der Paralympischen Spiele tragen. Sie gehört zu ihr, bestimmt sie aber nicht. Von solchen Realitäten erzähle seine Malerei, sagt Eric Beier, von fehlerhaften Körpern und den Auseinandersetzungen mit ihnen. Und sie erinnert nicht zuletzt an seine eigene Situation. Es gibt einen Aufzug in der Hochschule und Toiletten, die seinem Rollstuhl Platz bieten. Die Hochschule ist international bekannt und trotzdem familiär. Man kennt sich hier. Gute Rahmenbedingungen also für den gebürtigen Dresdner. Und dennoch sind es die Kleinigkeiten, die ihn stets erinnern, dass er im Rollstuhl sitzt. Dann zum Beispiel, wenn ihn der Weg zur Hochschule mal wieder stöhnen lässt. Idyllisch ist er im Herzen der Dresdner Altstadt, aber eben auch gepflastert und deshalb bei Regen oder Schnee eine Rutschpartie. Dass sein Körper ihm Grenzen setzt, spürt er immer wieder.

Das Grundstudium hat er dennoch gemeistert. Wie alle Kunststudierenden hat er Hausarbeiten geschrieben, Theorie gepaukt und sich nach einer Orientierungsphase für eine Fachklasse entschieden. Bei Prof. Peter Bömmels befasst er sich nun im Hauptstudium mit Grafik und Malerei. Meist geschieht das in seinem Atelier mit Acrylfarbe. Aus Pragmatismus hat er sich anfangs für sie entschieden, nicht zuletzt, weil sie gut trocknet. „Wer mit Öl arbeitet, hat ständig Lappen und Pinsel in der Hand, zieht ein paar Striche auf der Leinwand, tritt zurück, schaut sich die Wirkung an, tritt wieder an die Leinwand, arbeitet nach. Das ist für mich nicht möglich“, sagt er kopfschüttelnd. Die Hände braucht er schließlich, um den Rollstuhl zu bewegen. „Und überall die Ölflecken! Die trage ich von den Händen, in die Speichen und am Ende bis nach Hause in mein Wohnzimmer.“

Klare Entscheidung also gegen das Öl. Vorerst. Ein Antrag beim Amt für Familie und Soziales auf einen persönlichen Assistenten läuft bereits. „Der kann mir dann auch mal bei Transporten helfen oder mir an der Leinwand zur Hand gehen“, erzählt Eric Beier. Eine gute Hilfe wäre das im Jetzt. Wie die Zukunft aussieht, möchte er offen lassen. „Hätte mir vor zehn Jahren jemand prophezeit, dass ich Kunst studieren werde, ich hätte ihn für verrückt erklärt“, sagt er. „Das Studium wird Spuren in meinen Arbeiten hinterlassen und mich mit einem Netzwerk an Kunstschaffenden entlassen.“ Das Studium wird sein Sprungbrett sein.