Foto: Autor

Auf dem Campus ist Orientierung wichtig. Erst recht, wenn auf die eigenen Augen kein Verlass sein kann. Für Cordula Jachmann ist das kein Hindernis, sie ist blind und studiert Psychologie.

Ein prüfender Blick, ein tiefes Schnaufen, dann rollt sich Drago zufrieden zur Seite. Dass zur Mittagszeit eine Menge los ist, bringt den stattlichen Golden Retriever Rüden nicht aus der Ruhe. Nicht hier beim Gespräch für diesen Text in der Cafeteria der Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek und schon gar nicht im Seminar. Wenn klar sei, dass es für alle Kommilitonen in Ordnung sei, dürfe der Blindenführhund sie schon mal zu Veranstaltungsbeginn ohne Leine begrüßen. „Dann geht er reihum und sagt schnüffelnd hallo. Für viele gehört Drago schon längst dazu“, erzählt seine Begleiterin Cordula Jachmann, „und für mich ist durch ihn vieles leichter.“ Die 28-jährige ist blind. Eine Netzhautablösung als Baby ist daran schuld. Dass sie nur Schemen erkennen, höchstens starke Kontraste sehen könne, kenne sie nicht anders. „Für mich ist das ganz normal“, sagt sie und strahlt dabei eine Souveränität aus, die gar nichts anderes denken lässt.

Diese Willenskraft ist es, die sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich trotz Handicap für ein Studium entscheiden ließ. Sicher rührt diese Kraft auch aus der Kindheit her. „Meine Eltern haben vieles mit mir zusammen ausprobiert und oft selbst gestaunt, wie weit das gehen kann“, erinnert sie sich gern zurück. Und wer trotz Blindheit sogar Fahrradfahren lernt, für den könne ein Studium kein Hindernis sein, entschied Cordula Jachmann nach dem Abitur. Als in der Schule dann Hochschulen und deren Studienmöglichkeiten vorgestellt wurden, weckte die Technische Universität Dresden mit ihren Studienmöglichkeiten in Psychologie ihr Interesse.

Von der sächsischen Landeshauptstadt hatte die gebürtige Nürnbergerin vorher wenige Vorstellungen. Trotzdem fuhr sie auf eigene Faust für ein paar Tage nach Dresden, um die Stadt zu erkunden. Studentische Hilfskräfte halfen bei der Orientierung, die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Studium für Blinde und Sehbehinderte an der TU Dresden erklärten ihr die Möglichkeiten für ein Studium und ließen Cordula Jachmann festlegen: In Dresden wird studiert. Auch wenn das mehr Kraft erfordern würde, als sehende Studierende sie aufbringen müssen. Strategien hat sie dafür längst gefunden.

Mittlerweile ist sie im Master ihres Psychologiestudiums angelangt. Intensive Vorbereitungen auf die Lehrveranstaltungen sind bei ihr das A und O. Die Lehrmaterialien der Dozenten zum Beispiel braucht sie so früh wie möglich, um sie barrierefrei aufbereiten zu können. „Bekomme ich die Materialien nicht vorher, kann ich die Vorlesungen nur hören, ohne den Folien oder Büchern folgen zu können“, erklärt Cordula Jachmann die Unterschiede. Mit einer Sondergenehmigung darf sie Veranstaltungen auch als Tonspur aufzeichnen. „Zuhause arbeite ich dann alles nach, aber das nimmt viel Zeit in Anspruch“. Für eine 90-Minuten-Vorlesung können da schon mal drei Stunden Zeit ins Land gehen. Auf Dauer sei das nicht umsetzbar, sagt Cordula Jachmann. Lieber ist es ihr, stattdessen mit Büchern und Folien zu lernen, die extra für Sehbehinderte aufbereitet werden. Dass sich um solche Lehrmaterialien die Arbeitsgruppe Studium für Blinde und Sehbehinderte an der TU Dresden kümmert, ist eine große Hilfe.

Zusätzlich steht der angehenden Psychologin ihre Studienassistentin als Vorlesekraft zur Seite. Sind Materialien schnell zu überfliegen oder soll für ein Referat eine Präsentation erarbeitet werden, ist sie helfend zur Stelle. Arbeitet Cordula Jachmann allein, ist ihr Laptop mit spezieller Ausrüstung ihre wichtigste Unterstützung. Ohne Braillezeile und einem Screenreader, der Bildschirminhalte in Sprache ausgibt, wäre selbstständiges Studieren nicht denkbar. So wie Drago sie sicher über den Campus navigiert, leitet sie ihr Laptop durch die Welt der Schrift, weil die Braillezeile Bildschirminhalte direkt in der tastbaren Punktschrift ausgeben kann. Den Laptop hat sie im Studienalltag immer bei sich. „Solche Technik bietet aber auch die Bibliothek in einem extra Arbeitsraum an und in der Arbeitsgruppe für Blinde können sich Studierende Technik kostenlos ausleihen“, erzählt sie und schiebt nach, dass Technologie allein nicht alles ist. Das wichtigste in ihrer Situation sei Kommunikation.

Sie hat gelernt, mit Dozenten über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Dass sie sich persönlich zu Beginn eines neuen Semesters bei Professoren und Lehrenden vorstellt, gehört mittlerweile dazu. „Das ist wichtig, weil ich meine Prüfungsbedingungen individuell mit ihnen abspreche, aber auch, weil sie mich einfach kennen müssen. Nur wenn die Dozenten mich mit Namen ansprechen, weiß ich, dass ich gemeint bin.“ Solch eine persönliche Ansprache schafft auch Vertrauen. Und das ist wichtig, wenn sie bei schriftlichen Prüfungen mit ihrem eigenen Laptop arbeiten darf. Oder wenn schriftliche Prüfungen auf Antrag in mündliche Prüfungen umgewandelt werden müssen. Manchmal genügt auch eine Zeitverlängerung, um die Nachteile durch ihr fehlendes Sehvermögen ausgleichen zu können. Was bleibt, ist die Nervosität vor jedem Test, die ihre Kommilitonen wohl nur zu gut kennen. Dass am Ende doch auch in ihrem Studium vieles ganz normal ist, macht Cordula Jachmann froh. Und Drago wird auch ein bisschen Prüfungsstress nicht aus der Ruhe bringen. Zufrieden wird er neben Cordula Jachmanns Stuhl warten, bis er gebraucht wird. Und bis dahin kann er sich kurz entspannt zur Seite rollen.