GUT BERATEN, GUTER ABSCHLUSS – SO KLAPPT DAS STUDIUM MIT HANDICAP

Herr Professor Spallek ist Beauftragter für Studierende mit Behinderung an der TU Dresden. Ähnliche Ansprechpartner  gibt es an allen Universitäten und Hochschulen in Sachsen. Die Berater wie Prof. Spallek geben Tipps zu Ämtergängen, beraten zur Chancengleichheit und haben noch für beinahe jedes Problem eine Lösung gefunden. Im Gespräch lässt uns Prof. Spallek an seinen Erfahrungen teilhaben.

Herr Prof. Spallek, ein Studium stellt nicht nur Menschen mit einem Handicap vor Herausforderungen. Wer kommt alles in Ihre Beratung?

Hauptsächlich Studierende, die wegen körperlicher Beeinträchtigungen an der Universität Unterstützung benötigen. Zum Beispiel Studierende, die im Rollstuhl sitzen und wegen enger Räume an bestimmten Lehrveranstaltungen nicht teilnehmen können. Oder es suchen blinde, sehbeeinträchtigte oder gehörlose Studenten Rat, wenn es darum geht, persönliche Assistenzen zu beantragen. Die ist vor allem dann nötig, wenn Hörprobleme mit Sprechbehinderungen einhergehen. Zwar ist unsere Universität baulich gut auf die besonderen Ansprüche von Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen eingestellt, trotzdem ist persönliche Hilfe wichtig. So gibt es Blindenleitpfade, die Beschriftungen in den Gebäuden sind fast überall auch taktil nachzuvollziehen, in den Fakultäten wurden spezielle Arbeitsplätze für Sehbehinderte eingerichtet und viele Hörsäle sind mit Induktionsschleifen ausgestattet, an die Hörgeräte angeschlossen werden können. Darüber hinaus helfen wir aber zum Beispiel auch bei der Suche nach Schriftdolmetschern oder persönlichen Assistenten.

Für einige Studierende kommen Handicaps überraschend. Gut ein Viertel der Studierenden mit Behinderung hat erst im Studium mit Beeinträchtigungen zu kämpfen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Studentenwerkes. Erleben Sie das auch in Ihrer Sprechstunde?

Auch zu mir kommen Studierende, die beispielsweise durch die Folgen eines Unfalls eingeschränkt wurden. Bei anderen treten Krankheiten erst im laufenden Studium auf oder zeigen sich erst durch den Stress, den ein Studium bedeuten kann. Und dann ist da die überwiegende Anzahl von Menschen, denen man gar nicht ansieht, dass sie eine Behinderung haben. Oder jene, die sich selbst erst im Laufe des Studiums eingestehen, dass sie beispielweise durch eine psychische Erkrankung beeinträchtigt werden.

Seit Juli 2006 beraten Sie an der TU Dresden Studierende mit einem Handicap. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Weil sich die Medizin rasant entwickelt, die Technik feiner und die Prothetik immer besser ausgebaut wird, gibt es an unserer Universität zum Beispiel weniger Studierende, die stark in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Die Zahl der Rollstuhlfahrer wird stetig kleiner. Das merken wir auch bei den Hörbeeinträchtigten. Immer besser werdende Hörgeräte oder Implantate führen dazu, dass die Behinderung auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Nahezu gleich geblieben ist dagegen die Zahl der Studierenden, die wegen der Auswirkungen chronisch körperlicher Erkrankungen Beratung suchen. Wer sein Studium beispielswiese mit regelmäßigen Dialyse-Terminen unter einen Hut bringen muss, hat mit deutlich mehr Organisationsaufwand zu kämpfen als gesunde Studierende. In meine Beratung kommen Studierende mit Morbus Crohn, Multipler Sklerose, Tumorerkrankungen oder Epilepsie ebenso wie Studierende, die sich durch starke Rheumaschübe nicht an die vorgegebene Studienstruktur halten können.

Und welche Beeinträchtigungen haben deutlich zugenommen?

Wir spüren eine Zunahme bei chronisch psychischen Beeinträchtigungen. Mehr Studierende als bisher suchen heute Rat bei Studienproblemen in Folge von Depressionen, Psychosen oder Essstörungen. Auch Erschöpfungszustände, Angststörungen oder Burn Out nehmen unter Studierenden zu. Mittlerweile ist ihre Gruppe die größte unter den studienerschwerenden Beeinträchtigungen. Dicht gefolgt von Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie, Formen von Autismus, Asperger-Syndrom und Konzentrationsstörungen wie ADHS und ADS.

Vor welchen Herausforderungen stehen betroffene Studierende ganz konkret?

Mir schildern zum Beispiel von Diabetes Betroffene, dass sie mehr Zeit für Prüfungen oder Klausuren brauchen, weil sie Pausen machen müssen, um ihren Blutzuckerspiegel zu überprüfen. Da sind Studierende, die regelmäßig Arzttermine wahrnehmen müssen und deshalb nicht an Lehrveranstaltungen oder Prüfungen teilnehmen können. Da sind Studierende mit Rheuma, die es in Krankheitsschüben schwer haben, an die Universität zu kommen. Ebenso durch ihre Krankheiten eingeschränkt sind aber beispielsweise auch Studierende mit Legasthenie, die einfach mehr Zeit als andere Studierende benötigen, um ihre schriftliche Prüfung selbst vor der Abgabe noch einmal auf Rechtschreibfehler zu kontrollieren oder sie besser mündlich ablegen würden. Das alles ist nur eine kleine Auswahl, die Bandbreite der Probleme ist so vielfältig wie die Krankheitsbilder an sich.

Welche Möglichkeiten gibt es denn, beeinträchtigten Studierenden ein chancengleiches Studium zu ermöglichen?

Bald wird es zum Beispiel an der TU Dresden möglich sein, in Teilzeit zu studieren. Für Studierende, die etwa auf die Erreichbarkeit von bestimmten Ärzten angewiesen und deswegen an Orte gebunden sind, kann das eine Erleichterung sein. Außerdem gibt es neben unserer Beratungsstelle Arbeitsgruppen und Verbände, die sich speziell mit den Bedürfnissen bestimmter Erkrankungen auseinandersetzen. Zum Beispiel die Arbeitsgruppe für Blinde und Sehbehinderte oder etwa die Autismusberatungsstelle an der TU Dresden. Grundsätzlich sind all diese Beratungsangebote kostenlos. Das gilt für sämtliche Universitäten und Hochschulen in Sachsen ebenso wie für die Angebote der sächsischen Studentenwerke. Gemeinsam mit den jeweiligen Verantwortlichen versuchen wir stets individuelle Lösungen zu finden. Das geht von der Hilfe beim Beantragen von persönlichen Assistenzen, dem Verlegen von Lehrveranstaltungen in besser zugängliche Räume bis hin zur Erfüllung spezieller Bedürfnisse, wie etwa gepolsterte Stühle für Rheumakranke. Oft sind aber gar keine größeren Hilfen notwendig, meist hilft gehandicapten Studierenden schon mehr Zeit. Bei Klausuren zum Beispiel, wenn etwa chronisch Kranke Pausen brauchen, um sich Medikamente verabreichen zu können. All das wird über Anträge, sogenannte Nachteilsausgleiche, geregelt.

Wie sehen solche Nachteilsausgleiche aus?

Sie sind gesetzlich verankert und stehen Studierenden mit Behinderungen und chronischen Krankheiten zu. Keineswegs dürfen sie als „Vergünstigungen“ missverstanden werden. Sie sollen helfen, beeinträchtigungsbedingte Nachteile zu kompensieren und müssen angemessen sein. Weil sie stets Lösungen in konkreten Prüfungs- oder Studiensituationen bieten sollen, gibt es keine festgelegte Verfahrensordnung für solche Anträge. Und für die Akzeptanz ist es wichtig zu wissen, dass sie nicht im Zeugnis vermerkt werden dürfen. Für Nachteilsausgleiche, die Prüfungen betreffen, sollte man sich rechtzeitig an das zuständige Prüfungsamt oder den Prüfungsausschuss wenden. Es gibt Fristen. Bei allen Fragen und Anträgen helfen die Behindertenvertretungen der Hochschulen.

Betroffene Studierende sollten also selbst aktiv werden?

Unbedingt! Nur wenn wir die konkrete Situation kennen, können wir die beste Lösung für alle Beteiligten finden. In meinen Beratungen erlebe ich immer wieder, dass gehandicapte Studenten den Eindruck haben, nicht verlangen zu können, dass so viel Aufwand betrieben wird, um ihnen ein Studium zu ermöglichen. Dabei sind diese Hilfen ihr gutes Recht. Ich sehe das so: Gut ausgebildet mit einem Hochschulabschluss fällt es leichter, später einen Job zu finden – egal ob behindert oder nicht. Und davon profitieren am Ende alle. Deshalb dürfen Nachteilsausgleiche nicht als Bevorzugung missverstanden werden. Sie sind eine Form der Chancengleichheit, und die gilt für alle Studierenden.

Was raten Sie behinderten Studierenden generell?

Kommunikation ist das Wichtigste. Wer im Studienalltag an Grenzen kommt, sollte diese schildern. Am besten im direkten Gespräch mit dem Dozenten. Gerade bei Schwierigkeiten im Studienalltag lässt sich vieles auf dem direkten Weg lösen. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden: Während für Prüfungsleistungen in der Regel die Prüfungsämter oder Prüfungskommissionen zuständig sind, können Dozenten selbst über Studienleistungen entscheiden, die im Laufe des Semesters abzulegen sind, wie etwa Referate oder Hausarbeiten. Wer nicht über seine Probleme spricht, wird es schwer haben, Nachteile aufgrund seiner Behinderung wettmachen zu können. Und oft sind es schon die kleinen Hilfen, die große Wirkung haben.

Sie beraten nicht nur Studierende, sondern auch Abiturienten oder Hochschulabsolventen mit Handicap, die sich für einen weiteren wissenschaftlichen Weg an der Universität interessieren. Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Beratung?

Immer sofort dann, wenn Probleme im Studium auftreten. Und für Studieninteressierte am besten schon in der Orientierungsphase. Zusammen mit den Sozialberatern der sächsischen Studentenwerke können wir Berater gemeinsam prüfen, ob die angestrebte Universität oder Hochschule für die persönliche Situation die beste Wahl ist. Mit den Studentenwerken beraten wir auch zu den Möglichkeiten der Studienfinanzierung, suchen nach geeignetem Wohnraum und dessen Finanzierung und helfen bei der Suche nach persönlichen Assistenzen. Wer ein Studium trotz Beeinträchtigung beginnen möchte, sollte sich am besten sechs bis neun Monate vorher bei uns melden, damit genügend Zeit bleibt, um alles zu klären. Generell gilt: So früh bei uns melden wie möglich. Im Vorfeld lassen sich viele Dinge, die den Studienablauf betreffen, oft einfacher klären, als rückwirkend.